Der große Garten. Dorothea Strauss, aus Decorum, Köln 1997

Das vorliegende Buch >Decorum< vereint zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Arbeit von Thomas Werner. Zum einen gilt die Aufmerksamkeit einer Auswahl von Zitaten und Auszügen aus Texten dieses Jahrhunderts, die sich mit dem Thema der Ornamentik und Dekoration in der Kunst beschäftigen. Die Entscheidungen für die jeweiligen Textstellen wurden subjektiv getroffen, ein kunstwissenschaftlicher Anspruch auf Vollständigkeit spielte dabei keine Rolle. Die Auszüge sind assoziativ und fragmentarisch zu verstehen und spiegeln Thomas Werners Auseinandersetzung mit dem Thema wider. Sie sind der Klangteppich, auf dem er seine Arbeiten entwickelt.

Das zweite Interesse dieses Buches gilt verschiedenen Bildergruppen, die Thomas Werner im Verlauf der letzten drei Jahre malte. Auf welche Art und Weise die Abbildungen die einzelnen Seiten des Buches strukturieren und verbinden, thematisiert Werners Anspruch, seine Bilder im Kontext eines Raumes zu sehen und zu plazieren. Er versteht sich eindeutig als Maler, und seine Haltung zur Frage, was Malerei am Ende des 20. Jahrhunderts noch leisten kann, ist zeitgemäß: das »absolute Bild« im Sinne von Vollendung interessiert ihn nicht. Malen bedeutet für ihn einen fortlaufenden Prozeß, in dem das gerade beendete Bild bereits die Aufmerksamkeit für das kommende evoziert. Jedes Bild markiert einen Ausschnitt im Sinne eines Textes, der immer weiter läuft; das Kontinuum ist die Behauptung und nicht das einzelne Werk. Das Thema der Ornamentik beschäftigt Thomas Werner daher vor allem vor dem Hintergrund seines methodischen Ansatzes. Er scheut sich nicht, im Zusammenhang seiner Arbeiten von Dekoration zu sprechen, doch nicht als Kulisse, sondern als Möglichkeit, Raum zu vereinnahmen, eine Verbindung von Raum und Bild zu schaffen. Die in diesem Buch wiedergegebenen Definitionen des Begriffes Decorum sind Teil seiner künstlerischen Haltung.

Die Malerei von Thomas Werner öffnet eine Sicht in einen komplexen Kosmos ornamentaler Ordnungen und Strukturen. Wie durch ein Mikroskop gesehen, erscheinen die prallen Formen und Farben eigentümlich fern. Sie suggerieren den Eindruck, sich ihnen über Gebühr nähern zu können, ohne sie doch jemals zu erreichen. In der Wahl seiner Farben spart Thomas Werner nicht an auffälligen und ungewohnten Kontrasten und kreiert eine künstlich wirkende Welt. Er provoziert etwas, das man als »kitschig« bezeichnen könnte, und spielt mit der Ambivalenz, die sich hinter solchen Klischees und Kategorien verbirgt. Trotz ihrer starken Farbigkeit vermittelt Werners Formenwelt keine Ekstase oder exaltierte Übertreibung, ganz im Gegenteil. Die akkurate Maltechnik, die Komplexität der einzelnen Ordnungsprinzipien und der bei aller Buntheit dennoch gedämpfte Charakter der Farben schaffen eine konzentrierte Stimmung, in der wiederum vieles möglich werden kann.

Thomas Werner führt in seinen Arbeiten einen ständigen Dialog zwischen kalkulierter Präzision und malerischer Freiheit. Linien und Flächen werden nie mit dem Lineal gezogen oder mit Klebeband abgeteilt, wichtig ist der malerische Prozeß, der bei aller Klarheit der Vorgaben seine eigenen Gesetze kennt. Flächen liegen übereinander, drängen sich gegenseitig beiseite oder geben die Sicht auf noch tiefer liegende Ebenen frei. Linien und Formen bewegen sich aufeinander zu, schwingen wieder auseinander und haben sich nur sachte berührt. Formen ragen dynamisch ins Bild, laufen wellenartig weiter und enden plötzlich. Erregung, Harmonie, Dynamik, Ruhe, Zärtlichkeit, Provokation: trotz ihrer rein abstrakten bis konkreten Formensprache erzählen die Bilder von Thomas Werner Geschichten. Immer wieder bestimmt das erotische Spiel zwischen den einzelnen Formelementen die Atmosphäre, die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Berührungen hält die Arbeiten in Atem. Ihr ausschnitthafter Charakter drängt über den Bildraum hinaus auf die umliegende Wand und erobert potentiell den ganzen Raum. Thomas Werners aufwendige Maltechnik überlagerter Flächen und Formen zwingt ihn, seine Arbeit zu unterbrechen, da die einzelnen Farbschichten genügend Zeit zum Trocknen verlangen. Deshalb entwickelte Werner eine Systematik, aus der heraus er an bis zu zehn Bildern gleichzeitig arbeitet, denn der kontinuierliche Malprozeß ist Teil seines künstlerisch-inhaltlichen Anliegens. So entstehen Gruppen, in denen die einzelnen Werke untereinander Bezug nehmen, aber nicht im Sinne einer Serie, sondern einer Reihung. Wie auf einer Endlosschleife bewegen sich die Bilder im Verbund verschiedener Phasen, bilden Gruppen, die wiederum in einem größeren Zusammenhang gesehen werden können.
»Decorum« soll ein Buch sein, durch das sich die Leser und Betrachter wie durch eine Ausstellung bewegen können. Alle Informationen - Text und Bild - hängen letztendlich zusammen, doch aus welcher Richtung und auf welche Weise sie zu entziffern sind, bleibt ein offenes Angebot. Im Zentrum steht Thomas Werner selbst und seine Arbeit, die sich sowohl in der Auswahl der Texte, als auch der abgebildeten Malerei widerspiegelt. Das Buch überspannt den Raum, in dem Thomas Werners künstlerische Haltung ihre inhaltlichen Wurzeln findet und die Bilder als Ereignisse tatsächlich werden.